Grupa Teatralna PSYCHE Tristan und Isolde Ambulatorium

Paraphrase der "Bacchantinnen" von Euripides

          Der Mittelpunkt der Tragödie ist der Konflikt zwischen Vernunft und Instinkt, Verstand und Biologie, Rationalismus und Mystizismus, Kultur und Natur. Gott Dionysos marschierte in Theben ein und wollte seine Rechte geltend machen. Die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein. König Pentheus versucht vergeblich den orgiastischen Mystizismusrausch, in dem sein Königreich versinkt, aufzuhalten. Er will das unterdrücken, wovor er Angst hat, was er verachtet - das Tierische, Irrationale, Wilde im Menschen, das was die Gottheit, die er davon abzuhalten versucht, ans Tageslicht brachte. Pentheus versuchte es mit Argumenten und Gewalt und erlitt eine Niederlage. Von Dionysos verhöhnt, betört, lächerlich gemacht und gedemütigt wurde er schließlich durch die eigene Mutter, seine Tanten und andere Frauen in Fetzen gerissen.
     Das Drama von Euripides endet mit einer giftigen, höhnischen  Theophanie  - dem Triumph eines Gottes, der nichts mehr als ein Betrug und eine brutale Gewalt ist. Mit solch einem Gott können die Menschen nur verlieren - und das sowohl seine Anhänger als auch Opportunisten und Nichtgläubige. Dadurch, daß hier das Unaussprechbare doch zum Ausdruck gebracht wird, und zwar, daß Götter oder das, was sie verkörpern, böse sind, nur Leiden und Zerstörung mit sich bringen, stellt eine Krönung und zugleich eine Sprengung der klassischen Tragödie dar.

      In diesem Konflikt erkannten wir eine Analogie zu einer der Schlüsselerfahrungen der an der Schizophrenie leidenden Menschen - eine Antinomie von Fleisch und Geist, die den Kern unserer Paraphrase darstellt. Das Thema ist schwierig und eher heikel, deshalb kostete uns die Arbeit daran volle zwei Jahre. Die Aufführung und der dazu führende Prozeß waren ein Versuch, in das Problem tiefer einzudringen und sich über Ursachen und Konsequenzen der Ablehnung der eigenen Körperlichkeit eine Klarheit zu verschaffen.
   Unser Held (Hauptdarsteller), der sich durch die Nähe einer Frau, bedroht fühlte, weil sie seine latenten Ängste ausströmen ließ, hatte einen Traum, in dem er diese Frau als Dionysos sah. Er sah sein sündenfreies Paradies durch ganze Scharen von lüsternen, zügellosen Frauen besudelt und geschändet. Vergebens suchte er nach einem Unterschlupf im Tempel. Er wurde in Versuchung geführt, "vergewaltigt", kämpfte mit Dionysos, fesselte ihn, legte ihn ins Grab, doch dieser ist auferstanden, betörte Pentheus, der seine Passion erlebte, deren Ende die Zerfetzung durch die seine eigenen Ängste und Wünsche verkörpernden Bacchantinnen darstellte.
      Zur größeren Sicherheit nahmen wir diese Geschichte in Klammern, indem wir ihr einen Rahmen verpaßten, d.h. sie in eine reelle Situation einbetteten, die den Anfang und das Ende des Spektakels bildete. Infolge dessen konnte der Held, nachdem er aus seinem "Traum" erwacht war, seine Angst überwinden und sich der Frau nähern, die ihm soviel Angst eingejagt hatte.
      Im Bewußtsein des religiösen Faktors der "Angst vor seinem Fleisch" bei unseren Patienten, fügten wir der griechischen Sage eine christliche Symbolik hinzu.

DER FILM:
 

Nach der Erstaufführung (Juni 1994) kam im September desselben Jahres eine Video-Version des Spektakels an die Reihe, die wir nur 9 Tage lang während eines therapeutischen Camp mit einer absolut neuen Patientengruppe realisierten. Keiner von ihnen kam früher mit diesem Thema in Berührung.
  Diesmal wurde der Prozeß umgekehrt - statt von der Mitte nach draußen hin zu arbeiten, verzichteten wir auf eine intensive intellektuell-psychologische Vorbereitung während der Proben und fingen mit äußeren Aufgaben an. Wir ließen sie in unsere Schauspieler hineindringen und sie "öffnen". Das Ziel dieser Übung war einerseits, in einer möglich kurzen Zeit ihre maximale Energie und Expression zu befreien, und andererseits das Thema weniger rational und mehr empirisch zu behandeln, d.h. nicht so tiefgreifend dafür aber mehr konkret.
   Das hauptsächliche Problem bestand aber darin, so eine Atmosphäre der Sicherheit zu schaffen, die es erlaubte, daß unsere Patienten in kurzer Zeit mit diesem heiklen Thema fertig werden konnten.
  Das Ganze war darauf ausgerichtet, direktere und wirksamere Methoden auszuarbeiten, die es ermöglichten, unsere Schauspieler "in Bewegung zu setzen". Die Mehrheit der in das Projekt engagierten Patienten konnte dann ihre Therapie erfolgreich vertiefen, indem sie sich an den in den nächsten Jahren realisierten Aufführungen beteiligten.

                                                                                                                                    Krzysztof Rogo¿
 
 

"Pentheus"   Auswahl
   1. "Behandlung" des Wahns bei Pentheus
   2. Verführung von Pentheus
   3. Grablegung von Dionysos
   4. Erdbeben und Auferstehung von Dionysos
   5. Triumph von Dionysos
   6. Opferung
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